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Neuerscheinung: Familie: Basislager für Gipfelstürmer , Was Familien zukunftsfähig macht Oberstebrinkverlag

Zu viel von allem -  und zu wenig

(Auszug aus: Pohl, Familie-Basislager für Gipfelstürmer, München 2017)

Während den Kindern ausreichend Zeit fehlt, tagträumend einen Nachmittag zu verbringen, Zeit, in Ruhe zu spielen, Zeit, sich mit Freunden spontan zu verabreden, ja, auch Zeit, um sich mal zu langweilen, haben sie andererseits zu viel: 

Zu viel Zeugs, 

durch das ihre Fantasie und Kreativität gelähmt wird. Dinge, die zur Selbstoptimierung dienen sollen: Lernspiele, Puzzles, Mandalas zum Ausmalen, Vorgefertigtes mit pädagogischem Impetus. 

Kinderglück entfaltet sich an ganz anderen Orten als in Konsumtempeln, eher an Tümpeln, beim Matschen, beim fröhlichen miteinander Draußensein, beim Gestalten, Kicken, Hütten bauen und in Zusammenhang mit Tieren. 

Auch wenn die Kinder maulen und lieber das neue Computerspiel ausprobieren wollen, blanke Augen haben sie, wenn sie vom Spielen draußen kommen, nicht nach zwei Stunden am Computer. 

Zu viele Informationen, 

die sie überfordern und verunsichern. Die Kinder sind von außen schon genug Dingen ausgesetzt, die für sie unverständlich und bedrohlich sind. Deshalb müssen Siebenjährige beim Abendbrottisch nicht gerade mit Themen wie Terrorismus, Erderwärmung und schwarzen Löchern konfrontiert werden. 

Und wenn die Schule gemeinsam mit den Eltern durchsetzen würde, dass Kinder und Jugendliche in der Schule kein internetfähiges Handy dabei haben dürfen, könnten die Kinder vor Enthauptungsvideos und Pornos auf dem Schulweg besser geschützt werden. 

Zu viele Wahlmöglichkeiten: 

Ein westliches Kind besitzt durchschnittlich mehr als 150 Spielsachen. Nichts lähmt seine Spielfreude mehr. 

Viel zu früh wird sein Urteil herausgefordert: „Willst du dies, willst du das?“ Zu allem soll es eine Meinung haben oder „partnerschaftlich miteinbezogen“ werden. 

Da werden Zweijährige gefragt, was zu Mittag gekocht werden soll (Nudeln, was denn sonst) und die Fünfjährigen sollen eine Meinung dazu haben, wohin der Familienurlaub gehen soll. Im Grunde bewirkt das beim Kind nur Unsicherheit: wenn der Erwachsene schon nicht weiß, was richtig ist ... 

Klar ändert sich das irgendwann, wenn die Kinder groß genug dafür sind, ein eigenes Urteil fällen zu können. Das fordern sie dann schon selbst. 

Zu viel Förderprogramm: 

Die Optimierung unserer Existenz mag ein löbliches Ziel sein, nur scheint es momentan aus dem Ruder zu laufen. Wir brauchen nicht von allem noch mehr, alles noch besser, noch früher, noch schneller. Leben wollen wir ja auch noch, oder? Und unsere Kinder erst recht. Sie wollen eigene Erfahrungen machen, anstatt dauernd etwas vor- gesetzt zu bekommen. Das Kind will Dinge aus der Erfahrung lernen, dann wenn sie dran sind, wenn es Interesse daran hat. 

Überhaupt zu viel Programm: 

Die meisten Kinder haben, jedenfalls ab dem Schulalter, manche auch schon vorher, mehrmals in der Woche festgelegte Aktivitäten, denen sie mal mehr, mal weniger gern nachgehen. Manche haben kaum einen Nachmittag, an dem sie einfach mal rumtrödeln können, vor sich hinwursteln, nichts machen, träumen, sich langweilen, spontan jemanden besuchen. Sie sind eigentlich gar nicht mehr Herr über ihre freie Zeit. Dass diese Aktivitäten auch die Eltern beeinflussen, weil sie die Kinder jeweils zu ihren Kursen etc. hinbringen oder sie von dort abholen müssen, davon können Eltern ein Lied singen.

 

 

Zu viel Aufmerksamkeit: 

Ständig sind sie im Fokus eines Erwachsenen, werden befragt, begleitet, überwacht. Es kann auch sein, dass der Erwachsene zu viel fragt, weil er andererseits auch zu wenig präsent ist. 

Geheimnisräume finden die Kinder höchstens noch, wenn sie alt genug sind, im Internet. Ob das dann die Geheimnisse sind, die wir ihnen wünschen, scheint mehr als fraglich. 

Zu viel an Aufmerksamkeit kann auch heißen: zu viel an Bedeutung. Die Eltern sehen sich oft nur noch durch ihre Kinder hindurch an. Aber auch das Kind braucht seinen adäquaten Platz im ganzen Gefüge der Familie und nicht den Thron eines Kronprinzen oder einer Prinzessin. Zu viel Aufmerksamkeit heißt auch zu viel an Bewertung. Alles, was die Kinder tun, wird bewertet, gelobt oder kritisiert. 

 Zu viel Gerede: 

Ständig sind die Kinder konfrontiert mit Erklärungen. Bei jeder Alltäglichkeit, ob es das tägliche Hausschuheanziehen ist oder das Waschen der Hände vor dem Essen, wird alles gut und wiederholt begründet. 

Wie wär’s mit mehr nonverbaler Erziehung? Mehr tun, weniger reden. Hausschuhe anziehen, weil es so Usus ist in der Familie, einfach so, ohne: „Du weißt doch, dass du sonst kalte Füßchen kriegst und dann Schnupfen und das wollen wir ja nicht. Der Fußboden ist doch so 

kalt ... das muss ich dir doch nicht immer wieder und wieder sagen!“ Genau, das braucht’s wirklich nicht. Es reicht, es einfach zu tun. 

Statt wöchentlichem Lamento über nicht übernommene Verantwortung, nicht erledigte Pflichten, könnten Sie dem Vierzehnjährigen die schmutzige Wäsche im Zimmer liegen lassen. Irgendwann vermisst er seine Lieblingshose schmerzlich und räumt dann doch mal die Waschmaschine ein. 

 

Zu viel Betreuung: 

Ja, das vor allem: Immer, ja, wirklich immer ist irgendein Erwachsener dort, wo Kinder sind! 

Das wäre ja gar nicht so schlimm, wenn er die Kinder wenigstens in Ruhe ließe und seinen eigenen Aufgaben nachginge. Aber meist ist es jemand, der meint, er müsse anleiten, sich einmischen, für Ordnung sorgen oder die Kinder fördern. 

Wie sollen Kinder da herausfinden, was sie selbst wollen? Wann können sie sich denn mal langweilen, wann Eigeninitiative entwickeln, wann sich in Ruhe streiten? 

Wann darf denn ein Kind mal allein sein mit sich, ohne Aufsichtsperson? 

So sehr ein Kind andere Menschen braucht, dieses ganze lebendige Miteinander liebt, so sehr braucht es auch sich selbst für sich ganz allein – von Zeit zu Zeit. 

Zu viel Gekeife: 

Ach, wenn es immer so einfach wäre, den Keifton abzustellen! Diese dauernden Zurechtweisungen in ungeduldigem Tonfall, die Schimpfereien und das Rumgezerre. 

 

Überhaupt zu viel Erziehung: 

Kinder lernen aus den Erfahrungen, die sie machen. Sie lernen Dinge und entwickeln Fähigkeiten auch ohne Unterweisung durch den Er- wachsenen. Sie lernen vielmehr dadurch, dass die Welt, die Lebens- wirklichkeit, andere Kinder korrigierend eingreifen. Wenn wir keine Duplikate unserer selbst erschaffen wollen (was zum Glück ohnehin ein vergebliches Unterfangen wäre), sollten wir den Kindern mehr an Selbststeuerung zutrauen. Je mehr an ihnen vom Erwachsenen er- oder gezogen wird, desto weniger finden sie den eigenen Tritt, den eigenen Weg und lernen am eigenen Stolpern. 

... und zu wenig 

Ja, zu wenig gibt’s eben auch: 

Neben zu wenig Spielräumen, Freiräumen, Geheimnisräumen, sind es vor allem und insbesondere: andere Kinder, Geschwister, Cousinen und Cousins, Nachbarskinder, Spielgefährten, Banden, allerbeste Freunde, altersgemischte Gruppen die Kindern fehlen. Wie oft erleben sich Kinder in Situationen, in denen sie miteinander und aneinander lernen können? In Situationen, in denen sie Regeln aushandeln, in denen Rücksichtnahme dazugehört, weil ein paar Kleinere und Schwächere dabei sind, in denen unbeobachtet von Erwachsenen gestritten, gelitten und Blutsbrüderschaft besiegelt wird? 

Viele Kinder begegnen anderen Kindern hauptsächlich in, von Erwachsenen strukturierten, Gruppen im Kindergarten, in der Schule, in Vereinen. Viele Kinder beklagen sich, dass sie keine echten besten Freunde haben. Das ist auch schwer, wenn Gelegenheiten fehlen, sich zu treffen und sie sich in Begegnungen oftmals als Konkurrenten wahrnehmen. 

Manche Eltern verabreden sich mit anderen Familien, um gemeinsam in den Wald zu fahren. Sie trinken irgendwo gemütlich zusammen Kaffee, während die Kinder (außer Reich- und Sichtweite der Eltern) rumstromern, sich etwas ausdenken, Indianer spielen, Tierspuren identifizieren, Spiele spielen und nur im Notfall die Eltern aufsuchen. 

 

 

 

ADHS 2006 Pohl.pdf
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Spiel des Kindes von 0-3 Jahren.pdf
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Spieltherapie
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Angst
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Die Bedeutung der Puppe und des Puppenspiels in der Pädagogik
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Die Qualität des Bildes in der Sprache
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Familie
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Förderung von Sozialkompetenz
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Haben oder Sein
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Über das Wertevakuum der Gegenwart
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Lasst die Kinder raus
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Ausgespielt?
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Spielen und lernen
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Raus aus der Kita!
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Elfenkinder
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Gipfelstürmer brauchen ein Basislager

erschienen bei Springer Spektrum Verlag 2014

Kindheit - aufs Spiel gesetzt

Vom Wert des Spielens für die Entwicklung des Kindes

Pohl, Gabriele

Ursprünglich erschienen bei Dohrmann Verlag, Berlin, 2006

4. Aufl. 2014, XI, 197 S. 22 Abb.

 



  • Bietet einen guten Überblick über den Wert des Spielens und die positiven Auswirkungen auf die motorische, soziale, emotionale und personale Entwicklung
  • Leicht verständlich geschrieben, illustriert mit Abbildungen
  • Mit vielen anschaulichen Beispielen aus breitem und langjährigen Erfahrungsschatz
  • Gibt hilfreiche Impulse für eine gesunde Entwicklungsförderung im Familien- und Erziehungsalltag

Spiel ist unabdingbar für eine gesunde Entwicklung des Kindes. Das freie Spiel fördert kognitive, sprachliche und motorische Fähigkeiten, ebenso wie emotionale und soziale Intelligenz. Es fördert Fantasie und Kreativität.

Dieses praktische Buch ist kein Ratgeber im engeren Sinne, sondern eines, das den Blick schärfen soll für die wahren Bedürfnisse von Kindern allgemein und insbesondere die des individuellen Kindes. Es will deutlich machen, welche Entwicklungsräume das Kind benötigt und Mut machen, den Kindern zu vertrauen, wenn sie eigene Erfahrungen machen möchten.

Dabei beantwortet die Neuauflage ergänzende Fragestellungen, beispielsweise:

- Warum ist die Natur bei der kindlichen Entwicklung eine gute Lehrmeisterin?

- Worin unterscheiden sich Information von Wissen?

- Warum ist ein warmes Familienklima so wichtig?

- Wie können Gestaltungsräume für die kindliche Entwicklung geschaffen werden?

Gabriele Pohl gibt auf diese und viele weitere, die kindliche Entwicklung betreffende Fragen Antworten: theoretisch, aber auch praktisch, durch viele Beispiele aus den Erfahrungen und dem lebendigen Miteinander mit Kindern als fünffache Mutter, neunfache Großmutter, Diplompädagogin und Therapeutin am Kaspar Hauser Institut in Mannheim.

„Gabriele Pohls tiefgründiges Plädoyer für Spielen als Lebensbewältigung und schöpferische Menschwerdung. Humanistisch, originell und liebevoll.“ Andreas Weber

„In einer Zeit, in der Kindergärten immer mehr verschult werden und die motorische, soziale, emotionale und personale Entwicklung vernachlässigt wird, ist ein Buch wie das von Gabriele Pohl ein Lichtblick.“ Martin M. Textor

„Frau Pohl wirft ihren Blick nicht nur auf das kindliche Spiel - sie betrachtet das Innenleben des Kindes. Ich kenne niemanden, der dies mit einem feineren Gespür tut.“ Herbert Renz-Polster



 

Gabriele Pohl: Angsthasen, Albträumer und Alltagshelden
Springer Verlag Berlin – Heidelberg 2015 ISBN: 978-3-662-47007-7
Gabriele Pohl ist es wieder einmal gelungen, bereits mit dem Titel des Buches Klartext zu sprechen. Die Angst ist immer ein Teil unseres Lebens, ein Anteil den wir annehmen müssen, den wir in unser Leben integrieren sollten, um dadurch zu einer Überwindung zu gelangen. In diesem Buch wird sehr deutlich, dass wenn wir die Angst akzeptieren, sich darin Lösungsmöglichkeiten zeigen. So können wir Menschen Albträume überwinden und zu Alltagshelden werden.
Sehr einfühlsam nähert die Autorin sich diesem sensiblen Thema.
Zunächst erklärt sie was unter Angst und Angststörungen zu verstehen ist und geht auf die veränderte Kindheit ein. Sie erklärt wieso wir Angst als Herausforderung brauchen und wie man einen produktiven Umgang mit der Angst möglich machen kann. Schließlich wird die Entstehung einer Angststörung erklärt.

In den Kapiteln „Konfliktbewältigung durch freies Spiel“ und das „Therapeutische Puppenspiel“ geht die Autorin auf die große Bedeutsamkeit des kindlichen Spiels, dessen Symbolhaftigkeit ein und deutet die Selbstheilungskräfte an, die in einem späteren Kapitel „Kinder helfen sich selbst“ noch einmal ausführlich beschrieben und erklärt werden.
In dem Zwischenteil wird von vielen Angstgeschichten berichtet. Diese konkreten unterschiedlichsten Beispiele lassen das große Feld von kindlichen Ängsten und Angststörungen erahnen. Hier gelingt es Frau Pohl auf empathische Weise ein Verständnis für kindliche Verhaltensweisen zu wecken, welches so deutlich macht, was Kinder brauchen. Beeindruckt hat mich der einfühlsame Umgang mit dem Kind, der ihm auch in der Therapie nichts aufzwingt, sondern die Selbstheilungskräfte des Kindes stützt und stärkt. Das in diesem Buch Eltern nicht mit Vorwürfen überschüttet werden, sondern ihre Geschichten auch zu verstehen sind, macht eine Grundhaltung deutlich. Trotzdem werden Eltern nicht aus ihrer Verantwortung entlassen.

„Die Natur als Therapeutikum“ und „Eltern helfen ihren Kindern“ sind Kapiteln, in denen die Autorin noch einmal deutlich herausarbeitet was Kinder für eine gute Entwicklung brauchen, und dass das Spiel in dem Zeitraum „Kindheit“ wieder viel mehr Raum und Zeit gewidmet werden soll, weil darin unendlich Selbstheilungskräfte liegen.

Frau Pohl überzeugt durch viele anschauliche Beispiele aus der Praxis, die das Buch auch für pädagogische Laien gut lesbar machen. In ausgesprochen empathischer Weise richtet sie den Blick auf die kindlich verletzte Seele und begleitet Kinder darin, sich selbst mehr zu entdecken und auf die eigenen Gefühle zu vertrauen. Alle Gefühle sind zugelassen! So können die kindlichen Bedürfnisse vom Leser erkannt werden. Dadurch ist das Buch für pädagogische Fachkräfte, wie auch für Eltern nicht nur sehr verständlich geschrieben, sondern auch voller praktischer Hinweise. Trotzdem bleibt es wissenschaftliche Erklärungen nicht schuldig, wer in das Thema tiefer eintauchen will, kommt auch hier auf seine Kosten.

Dieses Buch ist für die gelebte pädagogische Praxis, wo auch immer, ein Geschenk.

Christel Spitz-Güdden

Fernsehdiskussion zum Thema Frühförderung

https://kirchenfernsehen.de/video/chinesisch-und-geigenunterricht-kita-kinder-im-bildungswahn/

Gabriele Pohl
Gabriele Pohl